Fiat-Geld und Vertrauen

von Werner Müller
im November 2020 auf https://www.prof-mueller.net/inflation/vertrauen/


Praktisch jede Währung, auch der Euro, ist sog. Fiat-Geld. Der Name hat nichts mit der italienischen Automarke zu tun. Der Name bedeutet, dass das Geld keinen eigenen Materialwert hat und auch keine Gold- oder Silberdeckung existiert. Vor dem ersten Weltkrieg konnte jeder Geldschein zu jeder Zeit in Gold umgetauscht werden.

Das Wort fiat kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „so sei es“. Die italienische Automarke steht dagegen für „Fabbrica Italiana Automobili Torino“, war aber vielleicht auch ein Wortspiel. Es wird gesetzlich bestimmt, dass das Geld einen bestimmten Wert haben soll, und die Menschen glauben daran. Damit beruht der Wert des Geldes nur auf dem Vertrauen der Bürger und der Finanzmärkte. Es hat einen Wert, wenn die Menschen an seinen Wert glauben. Geht dieses Vertrauen verloren, so wird auch das Geld seinen Wert verlieren. 1923 hat die Reichsbank nach einer extremen Ausweitung der Geldmenge das Vertrauen der Menschen verloren, und erst danach viel der Wert der Mark ins Bodenlose.

Damit funktioniert auch der Euro nicht viel anders als die Aktie von Wirecard. Hier wurden in der Bilanz von 2018 2.719,8 Mio. EUR an Bankguthaben ausgewiesen, 806,6 Mio. mehr als 2017. Die Börse glaubte, dass es sie wirklich gäbe, und sie gab sich mit nichtssagenden Erläuterungen im Geschäftsbericht zufrieden. Nach der Aufdeckung des Bilanzbetrugs war der Absturz der Aktie mit dem der Reichsmark vergleichbar.

Das Vertrauen in eine Währung beruht auf der Gleichgewichtsformel

Y · P = M · U
(Y = Wirtschaftsleistung, P = Preisniveau, M = Geldmenge, U = Umlaufgeschwindigkeit).

 

Die Geldmenge soll sich parallel zur Wirtschaftsleistung entwickeln und die Inflationsrate ausgleichen. Dafür hat die EZB ein Ziel von 2 % formuliert. Nach der Einführung der Euro-Bargeldes betrug die Geldmenge M3 im Euroraum 75,8 % des Bruttoinlandsproduktes zu aktuellen Preisen (= Y · P). Das entspricht einer Umlaufgeschwindigkeit von 1,32. 2019 waren es schon 109 %, was eine Umlaufgeschwindigkeit von 0,92 ergibt. Nach vorläufigen Zahlen des zweiten Quartals 2020 betrug die Geldmenge ca. 133 % und die Umlaufgeschwindigkeit sank demnach auf 0,75. Die FAZ vom 28.08.20 meldete für Juli einen Anstieg der Geldmenge M3 um 10,2 %, den höchsten Anstieg in nur einem Monat seit Mai 2008.

Der Unterschied zu 1923 ist, dass der Euro eine international akzeptierte Währung ist. Neben der inländischen Geldmenge gibt es noch ein international vagabundierendes Kapital in beträchtlichem Umfang. Bei einem Vertrauensverlust der Märkte in den Euro würden Euroguthaben bei ausländischen Banken abgezogen, um damit die Flucht in die Sachwerte anzutreten. Weil das dann nur noch im Euroland möglich ist, würde sich die inländische Geldmenge nochmals schlagartig erhöhen.

Es soll an dieser Stelle weder die Bevölkerung verunsichert, noch eine Inflation herbeigeredet werden. Man muss aber daran erinnern, dass die Geldpolitik das Vertrauen der internationalen Geld- und Kapitalmärkte in den Euro nicht zu sehr strapazieren sollte. Schon die starke Ausweitung der Geldmenge in den letzten 12 Jahren seit der Lehman-Pleite sollte zur Vorsicht mahnen. Die Märkte müssen darauf vertrauen, dass die enorme zusätzliche Staatsverschuldung auch wirklich zurückgezahlt wird, und sich der Staat ihrer nicht mit einer Inflationspolitik oder einem Staatsbankrott entledigt. Begriffe wie Bazooka und Wumms sind zur Vertrauensbildung nicht hilfreich. Das Vertrauen muss sich zudem auch alle großen Euro-Länder erstrecken, also auch auf Frankreich, Italien und Spanien. Würde selbst Deutschland Misstrauen erzeugen, könnten die anderen Länder das nicht kompensieren, auch wenn sie es wollten.
    
Es wäre eine vertrauensbildende Maßnahme, wenn die Regierung mindestens einen Vorschlag entwickeln, würde, mit welchen Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen in welchem Zeitraum die Rückzahlung organisiert werden soll. Natürlich würde ein solcher Plan sehr kontrovers diskutiert, besonders im Wahlkampf. Er würde aber den politischen Willen zu Rückzahlung erkennen lassen und damit die Märkte beruhigen. Der Versuch, diese Diskussionen auf nach der Wahl zu verschieben, könnte die Märkte dagegen nervös machen.

Man sollte der Politik dringend davon abraten, die Nervenstärke der Akteure auf den internationalen Finanzmärkten auszutesten. Ein solches Experiment könnte sehr teuer werden.